Legenden, heldenhafte Geschichten im
Strudel der Zeit, überliefert von Generation zu Generation. Viele Legenden
gehen verloren, nur wenige haben ihre Zeit bis heute überdauert. Die meisten
sind einfach nur Märchen, denen nur noch Körnchen von Wahrheit innewohnen,
denn passierte Dinge werden Geschichten, Geschichten werden Legenden, Legenden
Sagen und Sagen verschwinden. Doch der Mensch klammert sich an einigen
herausragenden Geschichten fest, so dass sie für immer Legenden bleiben. Diese
Geschichte gehört dazu.
Das, was ich euch nun erzähle,
werdet ihr nie von einem anderen hören können. Niemand sonst weiß, wer Mobius
wirklich gerettet hat, denn ich war dort. Setzt euch, meine Freunde, es wird
eine lange Nacht...
Es war eine sternklare Nacht über
Mobius, der Inselwelt, so, wie man sie nur selten sah. Man sagte sich, in dieser
Nacht während so viele Sternschnuppen gefallen, wie nie zuvor. Das Auge des
Betrachters befindet sich in einem namenlosen Gebiet zwischen Emerald Hill,
einer hügeligen, bewaldeten Zone in Küstennähe, und Hill Top, den Bergen
weiter im Landesinneren. Es gibt hier nichts, außer einer weiten Graslandschaft
bis zum Horizont, ein anscheinend endloses Tal. Die Grashalme bewegten sich
nicht, es war angenehm warm, fast stickig. Man hörte nicht einmal eine Grille
zirpen. Hier gab es keine Siedlungen, nur wilde Tiere. Die nachtaktiven Arten
haben sich vor einigen Stunden auf Beutefang gemacht und sind nun unterwegs.
Aber nicht nur Tiere sind unterwegs...
Ein kleiner dunkler Fleck geht kaum
sichtbar in einigen Kilometern Entfernung. Auf den ersten Blick würde man ihn
als Menschen identifizieren, doch je näher man kommt, desto absurder wird diese
Vorstellung.
Der Fleck, jetzt doch eindeutig als
Person auszumachen, geht im Schlendertempo über die Ebene. Wenn man genau hinhört,
kann man sogar eine gepfiffene Melodie vernehmen. Wieder kommt einem das Bild
eines Menschen vor die Augen, doch etwas befremdliches hängt untrennbar an der
Person, etwas... animalisches.
Wieder ein paar Meter näher, man
kann nun sehen, dass sich etwas am Rücken der Person auf und ab bewegt, außerdem
sieht es so aus, als träge sie einen Stock mit einem Beutel über einer
Schulter.
Noch ein wenig näher heran, langsam
werden die Konturen der Gliedmaßen sichtbar. Man sieht nun, dass die sich
bewegenden Teile buschige Schweife sind, und zwar nicht nur einer, sondern
gleich zwei.
Näher heran... Auf dem Kopf der
Person erkennt man jetzt spitze Ohren, die sich, wie bei vielen Säugetieren,
nicht, wie beim Menschen, an den Seiten des Kopfes, sondern auf der Oberseite
befanden. Auch fällt der umriss des Kopfes aus dem Rahmen.
Wir gehen nun auf wenige Meter heran
und sehen, wie ein menschlicher Fuchs (Das wäre die beste Beschreibung) über
die Steppe tapst. Man kann dieses Wesen nicht wirklich in eine der beiden
Sparten einordnen, denn es läuft aufrecht, wie Menschen, außerdem sind Hände
deutlich sichtbar und auch sonst scheint das Skelett größtenteils von Menschen
zu kommen, Füße, Kopf und Schweife einmal abgesehen.
An einen Fuchs erinnert vor allem das
Fell und die typisch fuchsige Kopfform: Spitze Nase, diese Ohren,
„Backenbart“. An dem Fell gab es nichts anzumerken, außer der Tatsache,
dass es blau und weiß war. Vom mittleren Beinbereich an bis zur schwarzen Nase,
an den Füßen, an den Händen, im inneren der Ohren und an den Schweifspitzen
war das Fell Weiß, sonst überall Azurblau. Die Füße erinnerten jedoch immer
noch an die von Füchsen. Sie hatten nur drei befellte Zehen, dafür schienen
die Füße aber auch dicker als menschliche. Wenn man sich die Sache von unten
ansah, dann sah man auch vier Druckkissen an jedem Fuß. Den Schweifen galt
besonderes Interesse: Wie bereits gesagt, es waren zwei, nebeneinander, und
wackelten munter auf und ab. Doch noch etwas anderes befand sich bisher
unbemerkt auf dem Rücken des Fuchses: Zwei lange Metallteile waren oberhalb der
Schulterblätter angebracht und endeten in Rundungen an beiden Seiten der
Schweife.
Solche Wesen nannte man auf Mobius
Anthros, Mischungen aus Tieren und Menschen. Man erinnerte sich nicht mehr
daran, wann Anthros zuerst auftauchten und die Menschen sorgten sich auch nicht
darum, denn diese Tierwesen waren in den meisten Fällen gut und ansonsten auch
in der Unterzahl. Anthros können sprechen (zu ihrem Glück) und sind auch sonst
in menschlichen Fähigkeiten geübt und verfügen, in den meisten Fällen, über
Fähigkeiten ihrer tierischen Vorfahren. In manchen Städten und Ländern werden
Tiermenschen deswegen verachtet, die Ursache dafür ist blanker Neid.
Plötzlich erklang ein Röhren in der
Ebene, wie das verstärkte Brüllen eines dominanten Grizzlybären, doch
anscheinend kam das Geräusch von dem Fuchs. Wieder erklang das Geräusch, jetzt
klang es eher wie Magenknurren, aber erstaunlich lautes. Er hielt sich den Bauch.
„Mist, schon seit Stunden nicht
gegessen!“ Er legte den Beutel auf den Boden und setzte sich dafür „Aber
ich habe ja noch Vorrat.“ Sagte er, glücklich über die bevorstehende
Mahlzeit.
Er öffnete den Knoten, der den
Beutel zusammenhielt und sah, wie sich Ameisen und andere Käfer über seine
letzten drei Brote hermachten.
In dieser sternklaren Nacht über
Mobius, der Inselwelt, konnte man deutlich in dem namenlosen Gebiet zwischen
Emerald Hill und Hill Top einen Schrei hören, der die Berge erzittern ließ.
Nachdem der Schrei verklungen war,
lag der blaue Fuchs mit dem Rücken auf dem Boden im Gras, das rot-weiß
karierte Tuch seines ehemaligen Vorratsbeutels verdeckte sein Gesicht. „Huuungeeer...“
stöhnte er. Dann setzte er sich auf und schaute zum Horizont „Jetzt käme ein
ordentliches Toast gut“, murmelte er, während er aufstand „Oder auch zwei
oder drei...“ Er sah sein Tuch an und ließ es letztendlich liegen „... Und
gegen einen ordentlichen Batzen Butter darauf hätte ich auch nichts
einzuwenden“, sagte er zum Rest der Welt. Er wartete ein paar Sekunden, doch
nichts geschah. Wunder waren auch nicht mehr das, was sie mal waren.
Der Fuchs machte sich auf die Suche nach Nahrung. Der unsichtbare Beobachter sah
ihn eine Weile durch die Gegend streifen, verlor ihn dann aber hinter einer
Anhebung aus den Augen.
Es vergingen mehrere Minuten, bis wir unseren Fuchs wiederfanden. Er hockte
derweil in einem hohen Grasbüschel, angespannt, seine Schweife waren vollkommen
starr. Er beobachtete etwas.
Vor ihm, etwa zwei bis drei Meter entfernt, auf einem Flecken blanker Erde,
krabbelte eine Maus herum und suchte ebenfalls nach Nahrung, wahrscheinlich war
sie einigen Regenwürmern auf der Spur. Mäuse sind die Hauptnahrung von Füchsen.
Der Blaufuchs wartete noch eine Weile auf den geeigneten Moment, die Maus schien
ihn nicht zu bemerken (Oder nicht als eine Gefahr zu erachten). Der Fuchs
zischte leise ein Wort, es klang in etwa nach „Fleissssssch...“ Plötzlich
sprang er los, doch die Maus rannte im gleichen Moment einfach davon und
verschwand in den Dunkelheiten des Grases. Als die Hände des Fuchses aufkamen,
hörte man es unter ihm rascheln und knacken, und wenige Sekundenbruchteile später
krachte der ganze Boden unter ihm ein. Der Blaufuchs verschwand mit einem
langgezogenen Schrei in den Tiefen des Loches.
Wir befinden uns nun in einer großen Höhle. Jemand sitzt dort auf einer Anhöhe,
etwa auf der Hälfte zur Mitte der Höhle, mit einem schlabberigen Stoffhut auf
dem Kopf, neben ihm stand eine Öllampe und spendete das einzige Licht. Mit Mühe
kann man die gegenüberliegenden Wände im Dunkeln erkennen, Kristalle blitzten
hier und da im Lampenlicht. Die Höhle schien nicht sonderlich tief unter der
Erde zu liegen, an der Decke konnte man herabhängende Wurzeln erkennen.
Was zuerst nicht sonderlich auffiel, war der Boden der Höhle. Es schien sich
zuerst um glattgehauener Stein zu sein, vielleicht dunkler Quarz, aber wenn man
genauer hinsah, so sah man kleine Bewegungen. Die Person auf der Anhöhe hielt
im Schneidersitz still eine Angel in beiden Händen, die Schur ging sehr tief
hinunter, mehr als fünf Meter. Dort wo der Köder auf dem Wasser schwamm,
konnte man leichte Wellen sehen, ansonsten war das Wasser absolut ruhig und bis
auf einige dunkelblaue Zentimeter schwärzer als Tinte. Wir nähern uns der
Person auf der Anhöhe, welche verdächtige Ähnlichkeit mit dem blauen Fuchs
aufwies. Spitze Ohren schauten aus dem Stoffhut heraus, welcher das Gesicht
verdeckte, sonst stimmte alles, die Schweife, das Fell... Doch zwei kleine
Unterschiede gab es, denn das Fell war orange. Außerdem wirkte dieser Fuchs größer
als der blaue.
Plötzlich zuckte der Fuchs zusammen, das Wasser wurde unruhig. Es sprangen
Tropfen aus dem Wasser, gewannen einige Zentimeter an Höhe und vereinigten sich
dann wieder mit der Wasseroberfläche. Die Angel zitterte immer stärker. Der
Fuchs riss die Augen auf „Das- Ist er das?“ sagte er halblaut. Plötzlich
zog etwas mit solch einem Ruck an der Schnur, dass die Schnurrolle mit einem Mal
leer war und der Fuchs beinahe ins Wasser gerissen wurde. „Das ist er!“
Schrie er mit einem Mal „Jetzt habe ich dich! Endlich essen!“ er stemmte
sich an einem Stein gegen die Zugrichtung „Du gehörst miiiir!“ rief er
gierig.
Die Schnur wand sich hin und her, wie eine epileptische Schlange, die einen
Stock gefressen hat, ohne ihn vorher zu zerbeißen.
Das Wasser zerspaltete sich in zwei Hälften und ein riesiges Fischmonstrum
erschien. Augen ließen sich nicht ausmachen, aber alleine eine Schuppe könnte
man als Teller benutzen. Dieses Riesending zog mit aller Kraft an der Schnur...
Und dieses schmächtig anmutende Fuchswesen hielt dagegen. Der orange Fuchs
gewann die Balance und fing an, stärker an der Leine zu ziehen. Der Fisch stieß
einen heulenden Laut aus, der selbst den härtesten Kern weichkochen könnte,
doch dem Fuchs schien sein eigener Magen der nächste zu sein. Der Fisch
zappelte, sprang auf und ab, versuchte zu tauchen, doch nichts gelang.
Und plötzlich hörte der orange Fuchs das Echo eines Schreis von der Decke der
Höhle, welcher näher kam. Einen Augenblick später sah er etwas Blaues fallen,
was dann ins Wasser platschte. Der Fisch nutzte die Verwirrung des Fuchses, riss
sich los und verschwand wieder in den Tiefen des Sees.
Der Fuchs zögerte nicht, schmiss den Hut weg und sprang die sieben Meter
hinunter ins schwarze Wasser. Die Oberfläche beruhigte sich wieder, die Echos
verhallten, es wurde ruhig. Man weiß nicht genau, wie viel Zeit verging, aber
es schien, als würden sich Sekunden zu Stunden dehnen.
Dann tauchte der orange Fuchs wieder auf, japste einmal nach Luft, ebenso wie
der kleinere blaue Fuchs auf seinem Rücken. Der orange schwamm mit ihm im
Schlepptau zum Ufer, kroch ein paar Zentimeter und legte sich dann auf den Rücken.
Der blaue stand auf allen Vieren und ließ den Kopf schwer atmend hängen.
„Was... Was bist du denn für ein Verrückter?“ platzte es aus dem orangen
Fuchs heraus „Wieso bist du von der Decke gefallen?“ Der blaue Fuchs atmete
noch ein paar mal ein und aus, dann antwortete er: „Ich—Danke, dass du mich
gerettet ha- Au!“ der orange Fuchs hat ihm auf den Kopf gehauen „Wofür war
das denn?!“ rief der blaue Fuchs und hielt sich den Kopf
„Du hast mich um mein Abendessen gebracht!“ antwortete der andere Fuchs
leicht sauer „Ich habe seit Tagen nichts mehr gegessen!“
Der blaue Fuchs setzte sich hin „Dann geht’s dir ja genau so wie mir. Ich
habe gejagt, als plötzlich der Boden unter mit nachgab.“
Die beiden musterten sich gegenseitig eine Weile. Erst jetzt bemerkten sie, dass
sie sich ziemlich ähnlich sahen. Fast zeitgleich rissen sie die Augen auf, als
sie sahen, dass beide zwei Schweife hatten. „Aber, das ist doch...“ „Wie
kann es sein, dass du...?“ Wieder waren beide still.
„Du bist so blau, wie...“ begann der Orange erneut, dann stoppte er. „So
blau wie wer?“ fragte der Blaue
„Ach, nein, schon gut“, antwortete der orange Fuchs „Wie ist dein Name?“
er hob fragend den rechten Arm.
Der blaue Fuchs schaute nach unten und sah, dass der Boden aus hellem, fast weißem
Sand bestand. Wie mag der hier wohl hereingekommen sein?, fragte er sich.
„Ich heiße Rianq.“ Sagte er schließlich
„Hm, klingt merkwürdig. Hast du auch einen vollen Namen?“
„Ja.“
„Und...“ der orange Fuchs schaltete auf den Ganz-langsam-für-Dumme-Modus um
„Darf ich auch erfahren, wie der heißt?“
„Nein.“ Rianq schnitt eine Grimasse und streckte die Zunge aus.
„Soso“, die Miene des orangen Fuchs verhärtete sich „Frech bist du also
auch noch.“
Rianq sah schuldbewusst nach unten. Dieser Fuchs hatte ihm schließlich das
Leben gerettet.
Der orange Fuchs bemerkte das und wirkte auf einmal freundlicher.
„Nun, ich heiße Tails.“
„Gibt’s auch einen vollen Namen?“ fragte Rianq, wie aus einer Reaktion
heraus.
„Ja.“
Erneut blieb es eine Weile still, dann hielt sich Rianq die Hand vor die Augen,
lachte und stöhnte gleichzeitig, während Tails eine Grimasse schnitt und seine
Zunge zeigte.
Der durchgefrorene Rianq folgte Tails
aus der Höhle hinaus. Es ging immer einen Tunnel hinauf, ohne Treppen, außerdem
hatte Tails die Kerze vergessen, so musste Rianq im Halbdunkel hinterher
kriechen, damit er nicht auf dem glitschigen Boden ausrutschte oder seinen Kopf
an den hinabhängenden Stalaktiten stieß. Als Rianq einmal aufsah, bemerkte er,
dass Tails aufrecht und ohne zu rutschen durch den Gang hindurchging und ab und
zu inne hielt, damit Rianq hinterher kam.
‚Wie macht er das bloß?’ fragte sich Rianq.
Nach ein paar Minuten bemerkte er, dass sich der Gang langsam erhellte, er
konnte schon einen Lichtfleck sehen. Doch er konnte nicht mehr weiter, so ein
Kriechgang, noch dazu über unebnen und glitschigen Boden, war sehr anstrengend
und hat seine letzten Kräfte aufgezehrt. Tails kam ohne große Schwierigkeiten
zu Rianq gelaufen, nahm den nassen Fuchs huckepack und lief auf den Ausgang zu.
Rianq musste seine Augen erst einmal an das helle Licht gewöhnen, doch dann sah
er das Meer. Schimmernd und glitzernd bewegten sich alle Farben des Regenbogens
im Wind auf und nieder, eingebettet in ein beständiges Azurblau. Weiße Vögel
flogen durch die Luft oder trieben auf dem blauen Meer. Rianq saß immer noch
auf dem Rücken des schweigenden Tails und sah sich um. Er konnte es nicht
beschwören, aber anscheinend befand er sich auf einer Insel, das sagte ihm sein
Gefühl. Irgendwie sah diese „Insel“ so aus, als wäre sie in Ringen
gewachsen. Den äußersten Ring bildete das Meer, danach kam die Küste. Es war
ein weiter Strand mit herrlich weißem Sand. Der zweite Ring war ein großer
Wald, den aussah, wie ein Jungel. Rianq erkannte herabhängende Lianen, einige
Bananenstauden und vereinzelt sogar ein paar Affen. Und das Innerste, dort wo
sie jetzt standen, war ein riesiger Berg. Rianq konnte die Höhe nicht abschätzen,
aber er musste weit über tausend Meter hoch sein.
„Das“, sagte Tails „Ist die Emerald Coast. Ich wohne hier schon seit
einiger Zeit alleine. Früher war aber noch jemand anders hi...“ Er unterbrach
sich beim letzten Satz.
„Ich bring’ dich zu meiner Wohnung. Kannst du laufen?“
„Ich versuch’s“ antwortete Rianq unsicher. Er stellte sich hin, wackelte
ein bisschen und fiel dann wieder in Tails Arme „Geht wohl doch nicht so
gut.“ Sagte Tails grinsend. Er trug Rianq zum Rand des Felsvorsprung, auf dem
sie standen und lugten hinunter. „Ok“, sagte Tails „Das dürfte kein
Problem sein.“
„Dürfte was kein Problem sei-?“ Doch Tails nahm Rianq bei beiden Händen,
nahm ein wenig Anlauf und sprang vom Vorsprung hinunter. Rianq schloss die Augen
und schrie, er befürchtete, dass er nun wegen eines lebensmüden Fuchses
sterben müsste. Doch nach ein paar Sekunden ging ein Ruck durch seinen Körper
und er fiel nicht mehr. Er öffnete zuerst das rechte Auge. Nein, der Boden
unter ihm kam nicht näher. Danach öffnete er auch das linke und sah hinauf zu
Tails. Er hatte die Beine von sich weggestreckt, als würde er im Delfin-Stil
schwimmen, doch er bewegte sich sonst nicht.
„Wie geht das?“ rief Rianq „Warum fliegen wir?“
Dann sah er, dass sich etwas über Tails rasend schnell bewegte. Er schaute
genauer und sah, dass es Tails Schweife waren, die sich wie die Rotorblätter
eines Helikopters drehten.
„Wie machst du das?“ fragte Rianq erneut.
„Soll ich es dir zeigen?“ lachte Tails.
Nach einigen Minuten landeten beide vor einem
Platz, den Rianq zuerst für eine Müllhalde hielt. Schiffs-, Flugzeug-, Auto-
und sogar Zugwracks lagen hier nebeneinander und auch aufeinander gestapelt in
einer Schneise zwischen Strand und Wald. Um viele hat sich eine Moosschicht
herum gebildet und die meisten waren schon halb oder ganz verrostet, Rianq hatte
eigentlich damit gerechnet, überall Ölspuren zu sehen.
„Was ist das denn für eine Schrotthalde?“
„Mein zu Hause.“ Antwortete Tails unbekümmert und ging mit dem etwas
fitteren Rianq zu einem der wenigen, aufrecht stehenden Züge.
„Oh“, sagte Rianq beschämt „Äh, das wusste ich nicht.“
„Schon gut. Es ist ja auch wirklich eine Schrotthalde, aber ich habe mich
daran gewöhnt.“
Sie standen nun neben der Eingangstür. Rianq bemerkte, dass es eigentlich gar
kein richtiger Zug war, sondern eher ein Container mit Rädern. Die gesamte Außenhülle
war weiß bestrichen und kaum vom Rost angefressen, nur ein großer roter Strich
zog sich einmal um den Container herum. Tails tippte eine Kombination auf einem
Codeblock ein, daraufhin öffnete sich die Tür und sie traten ein.
Rianq hatte in seinem Leben noch nie so gestaunt.
Nachdem Tails an die Innenseite der Wand griff, flutete den beiden Füchsen
grelles Licht entgegen und offenbarte den Inhalt des Zuges. Im ganzen Raum
flackerten kleine bunte Lämpchen an grauen Konsolen, leises Piepen drang an
Rianqs Innenohr.
Er sah kleine Maschinen mit Rädern, Zangen und Greifarmen an den Rändern des
Raumes, die für ihn zu komplex waren, um ihre Funktion erraten zu können. Als
er sich weiter umsah, merkte er, dass der Raum über und über gefüllt war mit
mechanischen Dingen, die meisten wirkten auf ihn wie Roboter oder Fahrzeuge. Es
hingen sogar einige halbfertige Jet-Boote von der Decke, wahrscheinlich aus
Platzmangel dort angebracht.
Besonders auffallend war die große Glasröhre in der Mitte, die durch dicke
Metallplatten und Blöcke oben und unten verankert war. Mehrere Schalttafeln
konnte man auf den Blöcken sehen, doch was Rianq so faszinierte, war der
schimmernde, rote Kristall in der Mitte der zweiten Glasröhre, noch etwas
weiter Innen. Rianq ging langsam näher an das Objekt heran, bis er schließlich
Nase und Handflächen auf das Glas aufpresste. Tails setzte Rianq eine
Sonnenbrille auf.
„Pass auf“, sagte er „Wenn du noch länger ungeschützt hineingestarrt hättest,
wärst du erblindet.“
„Kann schon sein“, antwortete Rianq verträumt „Aber... Was ist das? Ich
habe noch nie einen Stein gesehen, der dermaßen glüht, und dann auch noch von
Innen.“
„Das ist ein Chaos Emerald“, flüsterte Tails und sah nun auch mit geschützten
Augen ins Lichtinferno „Ich werde dir darüber erzählen, aber nicht jetzt und
hier.“
„Was? Aber wieso?“ fragte Rianq und drehte den Kopf zu Tails. Dieser bückte
sich und nahm seinem fuchsigen Freund die Brille ab. „Man weiß nie, was für
Kräfte der Emerald in seiner Nähe offenbart. Mit etwas Pech stirbst du und wir
wissen noch nicht mal, warum. Oder du löst dich einfach auf und wirst in ein
anderes Universum teleportiert“, er klopfte an die Röhre „Dafür der Schutz
hier.“
„Anderes Universum...“, murmelte Rianq. Er sah nachdenklich zu Boden.
Auf einer Werkbank lagen verschieden große Schraubenschlüssel und -zieher, Hämmer
und mehrere Nägel. Auch hier waren wieder komische technische Geräte, die eher
wie Spielzeuge anmuteten als wie Werkzeuge. An der Holzwand dahinter hangen noch
viel mehr Geräte, Rianq folgte dem Verlauf der aneinandergrenzenden mit
Werkzeugen versehenen Holzbeschläge, doch es war jede Wand mit Werkzeugen gefüllt.
Sein Blick kehrte wieder zur Werkbank zurück, wo eine Art Metallstab mit einem
roten Knopf und ein ziemlich ausgetüftelter Helm lagen.
Rianq griff nach dem Stab, doch Tails war schneller und schnappte ihm das
Instrument weg.
„Pass auf, was du hier berührst“, meinte Tails „Du könntest dein Leben
schneller aushauchen, als dir lieb ist.“
Tails griff unter die Werkbank, zog eine Pappkiste heraus und kramte darin
herum.
„Ist was?“, fragte Rianq
„Warte, warte, warte“, antwortete Tails „Ich hab’s gleich.“
Ein paar Kleinteile flogen aus der Kiste an Rianq vorbei, darunter ein kleiner
Elektromotor, eine große Schraube und ein... Auge.
„Aha!“ rief Tails, richtete sich auf und stieß mit dem Kopf gegen die
Tischkante. „Au, verflucht!“, sagte er und rieb sich den Hinterkopf „Das
passiert mir dauernd! Mistding!“ Er trat die Kiste zurück unter den Tisch,
dann schob er mit seinem Arm einige Werkzeuge beiseite und stellte ein kleines
Ding auf den Tisch, das für Rianq wie eine Art Actionfigur ohne Farbe aussah.
Das Männchen hatte keine Gesichtskonturen, hatte aber eindeutig eine humanoide
Vorlage. Arme, Beine, viereckige Füße und zwei Greifarme. Tails drückte dem
kleinen Mann einmal auf den Kopf, dann surrte es kurz und der kleine wackelte
los. Irgendwie niedlich, fand Rianq.
Tails warf den Stab kurz in die Luft, fing ihn am Griff wieder auf und hielt ihn
an das laufende Männchen. „Und jetzt pass auf. Ka-“, Tails drückte auf den
roten Knopf, daraufhin explodierte –wumm!- die Spitze des Stabes in einem
hellen Blau und warf das Männchen gegen die Wand, so dass sich Arme und Beine
wild verdrehten.
Entsetzt starrte Rianq den orangen Fuchs an, doch bevor er noch etwas sagen
konnte, griff Tails nach dem kleinen Männchen, setzte es auf den Tisch und drückte
ihm abermals auf den Kopf, bis es summte. Der Kopf des Männchens drehte sich
einmal um die eigene Achse, dann griff es mit dem rechten Arm nach dem linken,
drehte es wieder richtig, entknotete die Beine, stand auf und stakte wieder
davon.
„Das kleine Ding ist aus Strontium, einer Legierung, die erst vor kurzem
entdeckt wurde“, sagte Tails mit der Stimme eines Fachmannes „Allerdings ist
es viel zu schwer für den richtigen Einsatz und müsste eigentlich - -“
„Was war das eben?“, unterbrach ihn Rianq
„Was war was?“, fragte Tails etwas aus dem Konzept gebracht.
„Na, dieser Lichtblitz eben. Das Blaue. Vom Stab.“
„Oh, ach ja, das!“ Tails betrachtete den Stab, als sähe er ihn zum ersten
mal „Das war eine kleine EMP-Entladung, ein elektromagnetisches Feld. Legt
jeden Mechanismus lahm.“ Er drehte an einem kleinen Rädchen an der Unterseite
des Stabes „Doch weitaus gefährlicher wäre diese Einstellung.“ Er drückte
wieder auf den roten Knopf, diesmal entlud sich ein gelber Lichtblitz am Ende
des Stabes „Ein weniger magnetisch und mehr elektrischer Stromstoß von
250.000 Volt. Der hätte dir nicht nur das Fell sondern auch ein paar innere
Organe verbrannt.“ Er ließ den Stab in einer Kiste verschwinden.
Rianqs Kinn reichte fast bis zum Boden „Warum hast du hier überall so
mordsgefährliche Sachen rumliegen? Und warum hängen da Boote von der Decke und
warum stehen da hinten Autos“, er zeigte wie besessen mit den Händen durch
den ganzen Raum „Und warum stehen hier überall Roboter und wieso und warum
und weshalb?“
Tails lehnte sich gegen die Werkbank und warf einen Schraubenzieher in die Luft
„Ganz einfach“, sagte er und fing das Werkzeug wieder auf „Ich erfinde
dieses Zeug.“
„Aber... Warum?“ Tails machte es den Anschein, dass sich Rianqs Kinnlade
nicht nur mit dem Fußboden begnügen würde, sondern auch gleich durch die
Erdkruste hindurchschlägt.
„Nun, manchmal ist mir langweilig“, sagte der Orangefuchs gelassen
„Manchmal bekomme ich auch Aufträge aus nahen Städten. Dieser Kampfstab war
auch so ein Auftrag, ich habe aber noch eine etwas abgeschwächte Version gebaut
und dann verschickt. Zu den ganzen Fahrzeugen hier kann ich nur sagen, dass
alles, was fährt, schwimmt oder fliegt mein Hobby ist.“
Rianq sah sich noch einmal um und bemerkte, dass einer der Wagen eine
beeindruckende Feuerlackierung an der Haube hat. „Und du bastelst das alles
ganz allein?“, fragte Rianq noch einmal stutzig
„Jup, so sieht’s aus.“
„Und verkaufst immer wieder was?“
„Genau.“
„Cool! Das will ich auch können!“ Rianq startete durch und lief durch das
Labor, bestaunte dies und das, nahm einige Geräte mit Erlaubnis auseinander und
verlor einen Fellfetzen seiner Schulter, als er aus Versehen ein kleines
Laserbataillon in Kraft setzte, das alle sich bewegenden unter Beschuss nimmt,
also Tails und Rianq. Nach ein paar Minuten Chaos konnten sie die Katastrophe
abwenden, indem Tails den Stecker zog.
Er hat an diesem Tag gelacht wie schon lange nicht mehr.